Parlamentarisches Frühstück: Alles andere als kalter Kaffee

Primärversorgung und Physiotherapie war das Thema eines Parlamentarischen Frühstücks, das am 20. März 2026 unter der Schirmherrschaft von Serdar Yüksel (Mitglied des Deutschen Bundestags, SPD) in den Räumen des Deutschen Bundestages stattfand. Eine gute Gelegenheit, um gemeinsam mit Leistungserbringern die Rolle der Heilmittelbranche in zukünftigen Versorgungsformen zu diskutieren. Zu den Gästen zählten Julia-Christina Stange (Mitglied des Deutschen Bundestags, die Linke), Marie Becker, Ministerialdirigentin im Bundesministerium für Gesundheit sowie zahlreiche Mitarbeiterinnen von Gesundheitspolitikern des Deutschen Bundestages. Die Verbandsvertreter der im Spitzenverband der Heilmittelerbringer - SHV e. V. organisierten Verbände konnten so wichtige Positionen zum Thema Primärversorgung und Physiotherapie mit Angehörigen des Parlaments und des Bundesgesundheitsministeriums besprechen. Das Themenspektrum dieses Arbeitstreffens, das auf Einladung des IFK initiiert wurde, reichte daher von der Primärversorgung, über den Direktzugang bis hin zur Neufassung der Berufsgesetze in den Heilmittelberufen.

„Auf dem SHV-Therapiegipfel hat Ministerin Warken gesagt, dass sie die Notwendigkeit der Novellierung der Berufsgesetze sieht“, so Yüksel in seinem Eingangsstatement. „Das muss dann auch zügig kommen! Es gibt ja keine Erkenntnisdefizite, sondern Umsetzungsdefizite Wir müssen die Ministerin beim Wort nehmen.“ Julia Stange schloss sich dem an: „Es bedarf einer Neuerung und dabei ist es wichtig, den Kontakt zur Basis nicht zu verlieren, und den Austausch zu erhalten.“

Bei den anstehenden Reformen im Gesundheitssystem werden perspektivisch die Novellierung des Berufsgesetzes in der Physiotherapie und der Leistungsrechte in einem Primärsystem für Heilmittelerbringer diskutiert. Die Gesundheitsministerin selbst hat diese Debatte eröffnet, in dem sie bei einer Regierungsbefragung äußerte, dass sie im Primärsystem die Physiotherapie mit Direktzugang sehe. IFK-Vorstandsvorsitzende Ute Repschläger betonte dazu: „Unsere Diagnostischen und therapeutischen Kompetenzen ermöglichen eine frühzeitige, qualitätsgesicherte Versorgung, beschleunigen Prozesse und nutzen Ressourcen effizienter. Wir können das jetzt gestalten: Weg von einer reinen Verordnungsbindung, hin zu einer kompetenzbezogenen Versorgung.“ Prof. Dr. Tanja Neufeld von der SRH-Fernhochschule untermauerte dies aus wissenschaftlicher Sicht in dem sie verdeutlichte, dass „es internationale Studien gibt, die belegen, dass der Direktzugang in der Physiotherapie sicher ist.“

Dr. Andrea Mischker, stellvertretende Geschäftsbereichsleiterin bei der BIG-Direkt-Versicherung, argumentierte aus Sicht der Gesetzlichen Krankenversicherung, dass die Kompetenzfrage doch längst beantwortet sei, weil der Direktzugang bereits seit Jahren in Form des sektoralen Heilpraktikers als gelebte Praxis faktisch existiere. Marie Becker (BMG) wies in diesem Zusammenhang auf die Kosten hin, insbesondere im Kontext der Neufassung der Berufsgesetze im Heilmittelbereich.

Zur Einordnung: Die Länder hatten deutlich signalisiert, dass sie einer Neufassung nur zustimmen, wenn die Finanzierung seitens des Bundes auch gesichert sei. Eine Neufassung ist nötig, um die Kompetenzen für den Direktzugang auch berufsrechtlich abzusichern. Becker dazu: „Man braucht alle Gesundheitsfachberufe, um in Zukunft die Versorgung sicherstellen zu können, aber die Finanzierungsfrage ist die große Unbekannte, dazu bedarf es immer ein Go – ich will an dieser Stelle signalisieren: Wir sind da dran!“

Dagmar Karrasch, dbl e. V., Katrin Schubert, DBS e. V., Manuela Pintarelli-Rauschenbach, VPT e. V., Jeanette Polster, Bundesverband für Podologie e. V., und Rainer Großmann, Physio Deutschland, unterstrichen u. a. ebenso die Wichtigkeit des Perspektivwechsels in der Debatte.  Einig waren sich alle darin, dass heute schon bekannt sei, dass der Ärztemangel Veränderungen im System nötig mache. Die Ressourcen, die Heilmittelerbringer bieten können, werden heute nicht vollständig in Anspruch genommen. Die Verbandsvertreter stimmten überein, dass es gut sei, dass da jetzt ein Umdenken passiert, das danach fragt, wie man die Kompetenzen der Therapieberufe bestmöglich miteinbeziehen kann. Ute Repschläger ergänzte, dass „aus unserer Sicht Therapeuten auf Augenhöhe eingebunden werden müssen. Neben der konventionellen Verordnung durch eine primär versorgende Stelle, sollte der Direktzugang über definierte Versorgungspfade möglich sein. Das ist notwendig, wenn es im Kern darum gehen soll, das deutsche Gesundheitswesen anders zu gestalten, als es derzeit ist.“

Für einen perspektivischen Neubeginn plädierte Yüksel ebenfalls stark in seinem Schlussstatement: „Wenn es uns gar nicht gäbe und wir uns neu erfinden müssten: Wie würden wir das System gestalten und wie würden wir Heilmittelerbringer einsetzen? Ich bin zuversichtlich, dass wir Veränderungen möglich machen, wenn wir miteinander im Gespräch bleiben.“

Die Verbände des Spitzenverbands der Heilmittelverbände werden die anstehenden Gesetzgebungsverfahren zur Primärversorgung eng begleiten und mit den Parlamentariern sowie dem Ministerium in engem Austausch stehen. So kann dieses Arbeitstreffen auch als Auftakt der weiteren Diskussionen verstanden werden.

Fotos: axentis/Lopata

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